Autorin | Self-Publisherin

Einblick in meinen nächsten Roman „Unter Monstern“

Ich möchte dir einen kleinen Vorgeschmack auf die Geschichte geben, die dich 2023 erwarten wird. Der vorläufige Klappentext ist:

Meine Heirat ist der Beginn meines Untergangs. Denn mein neuer Mann ist nicht das, was er zu sein scheint. Er gehört zu denen draußen, von denen wir uns vor vielen Jahrhunderten abgeschworen haben, weil sie unberechenbar, animalisch und von ihren Instinkten getrieben sind. Sie sind Sklaven des Mondes und seiner Magie und nicht mehr als blutrünstige Tiere.

Jetzt bin ich seine Gefangene.

Und mein Leben wird nie wieder dasselbe sein.

Genre: Dark Romance, Dark Fantasy, Gestaltwandler (Werwölfe) und Hexen

Wenn du keine Freude an düsteren Inhalten hast, solltest du diesen Roman auslassen. Es wird eine Warnung ähnlich dem folgenden Text geben:

Hinweise und Warnungen: Es gibt Triggerwarnungen zu Anfang des Buches. Bitte lest sie, wenn ihr bestimmte Themen meiden wollt. Der Roman ist Dark Romance. Es wird daher düster, blutig und brutal. Es gibt derbe Kraftausdrücke, Sex und von unserem Leben abweichende Moralvorstellungen. Der Held ist ein Arschloch und die Heldin eine fast gebrochene Frau. Es wird keine süße Romantik werden. Vielleicht ist es noch nicht einmal richtige Romantik.

Für diesen ersten Auszug reicht eine Warnung, die du im nächsten Abschnitt lesen oder einfach überspringen kannst. Ich habe für die Geschichte bereits einen Werktitel im Kopf, aber in der Zwischenzeit nenne ich sie erst einmal „Unter Monstern“.

Der folgende Text ist die erste Fassung, wo ich nur die groben Fehler ausgebessert habe. Namen, Dialoge und Abläufe der Szenen können sich in der finalen Version noch ändern. Fehler sind bestimmt vorhanden.

Viel Spaß beim Lesen!

Empfohlenes Lesealter: 18+

Inhalt:

Triggerwarnung (SPOILER)

Bitte überspringen, wenn du Warnungen nicht brauchst.

Beweg die Maus für die Warnung auf diesen Text:

Fremdgehen des männlichen Protagonisten (nur direkt am Anfang)

Kapitel 1

Der Abgrund sprach zu mir.

Ich beugte mich näher zu ihm. Meine nackten Zehen krallten sich um den Stein der Klippe. Während das Meer seine Wellen auf das Gestein unter mir schmetterte und der Wind an meinen Haaren zerrte, hörte ich zu.

Nur fünfzehn Meter.

Nur ein Schritt.

Nur eine Sekunde.

Meine Lippen kräuselten sich verächtlich. Nur eine Sekunde. Er log. Niemals würde es so schnell gehen. Da wäre erst der Fall, dann der Aufprall, dann der Schock, dann das Wasser, dann das Untergehen, dann die Panik. Die Lungen würden sich mit Flüssigkeit füllen und der Überlebenskampf würde ausbrechen, weil die nackte Angst den Körper beherrschte. Der Tod war selten schnell und schmerzlos. Nur eine Sekunde.

Nichts als Lügen.

Ich trat zurück und wickelte mich tiefer in meinen Wollmantel. Vor mir ging die Sonne auf. Nur wenige Strahlen fanden durch die dichte Wolkendecke. Es war ein stiller Herbstmorgen. Still, bis auf das Meer und sein Rauschen und sein stetiges Wüten an der Küste. Vertraute Geräusche, mit denen ich aufgewachsen war.

Ich schlug den Pfad zurück zu unserem Haus ein. Meine Füße waren kalt, aber ich genoss das Moos unter meiner Haut und das Gras, das meine Zehen kitzelte. In diesem Moment fühlte ich mich wie ein Baum, der seine Wurzeln in den Boden geschlagen hatte und dort verankert war, um von keiner Kraft der Welt herausgerissen werden zu können.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis sich die weißen Umrisse meines Elternhauses in der Ferne erhoben. Rauch stieg aus dem Schornstein empor, da unsere Bediensteten soeben aufgestanden waren und das Frühstück vorbereiteten. Ich war immer die Erste, die erwachte.

„Guten Morgen, Susanna“, begrüßte ich unsere Köchin. „Gabriele.“ Auch ihrer Enkeltochter nickte ich zu. Ihre Eltern hatten sich getrennt und keiner hatte sie aufnehmen wollen. Jetzt war die Fünfzehnjährige bei uns angestellt und half ihrer Oma bei der Essenszubereitung.

Beide lächelten mich höflich an. Auch wenn ich Susanna bereits seit zehn Jahren kannte und Gabriele vor zwei Monaten zu uns gekommen war, behandelten wir uns distanziert. Wie Chefin und Angestellte. Am Anfang hatte ich es bedauert. Nun aber war ich daran gewöhnt.

Ich hing meinen Mantel in der Garderobe auf. Gerhard, unser Butler, würde in etwa zehn Minuten aufstehen. Dann wischte ich meine dreckigen Füße am Tuch auf dem Boden ab und stieg die Treppe zu meinem Zimmer hinauf. Sie knarrte und ächzte unter mir, als würde ich hundert Kilo wiegen. Als ich die Tür hinter mir zuzog, sackte ich mit dem Rücken gegen das Holz und atmete durch.

Nur noch ein Tag.

Mein Blick schweifte durch das Zimmer. Die größeren Möbelstücke – meinen Schreibtisch, meinen Spiegel und meinen Schrank – hatte ich bereits auf die Reise geschickt. Ebenso den Großteil meiner Kleidung und all die anderen kleinen Dinge, die ich in meinem Leben brauchte. Es blieben nur noch die Reste übrig, die ich selbst tragen konnte, sowie das Bett, das hierbleiben würde.

Nur noch ein Tag, bis zu meiner Hochzeit. Dann würde endlich mein neues Leben beginnen.

Ich zog mich aus und trat in das angrenzende Badezimmer. Die Vorhänge waren zugezogen, da ich es so bevorzugte. Das Fenster zeigte zum Garten hin. Jeder könnte mich sehen, insbesondere die Arbeiter, wenn sie in diese Richtung schauten. Auch sie behandelten mich stets höflich, wenngleich ich in ihren Blicken Kalkül las. Es verriet mir:

Wenn sie es schon nicht sehen konnten, stellten sie es sich eben vor.

Ich drehte das Wasser auf, stellte mich unter den heißen Strahl, bis ich meine Haut beinahe verbrannt glaubte, und machte mich für den Tag fertig. Von draußen drangen dumpfe Geräusche zu mir. Die anderen mussten mittlerweile ebenso aufgestanden sein. Mit einer locker sitzenden Stoffhose und einer Bluse – beide in Pastelltönen, weil es sich so gehörte – fand ich zurück nach unten und steuerte unser Esszimmer an. Mutter, Patricia und Tessa saßen bereits am Tisch.

„Guten Morgen“, sagte ich.

Mutter zog eine Augenbraue hoch und musterte mich von oben bis unten. „Du bist wieder beim Meer gewesen.“

Woher wusste sie das nur immer? Irgendwer musste es ihr zuflüstern. Ich ging nicht jeden Tag zur Küste, nur, wenn das Verlangen mich packte. „Ja. Ich war bereits früh wach und wusste nicht, wohin mit meiner Energie.“

Die andere Augenbraue hob sich.

„Wieso bist du so ruhig, Chia?“ Tessa sah mich mit großen Augen an, während sie mit ihren Beinen unruhig wackelte. Sie war die Drittkleinste meiner Geschwister. Erst süße acht Jahre jung und die Beste von ihnen. „Du heiratest doch schon morgen! Es gibt doch noch so viel zu tun!“

Unwillkürlich musste ich lächeln. „Es ist bereits alles erledigt.“ Ich strich ihr über das braune Haar und setzte mich neben sie. „Clemens und ich wollen doch eine kleine Hochzeit veranstalten. Nur unsere Familie wird da sein, da seine Eltern bereits tot sind und er keine Geschwister oder andere Angehörige hat. Das weißt du doch.“

„Aber Freunde? Er muss doch Freunde haben?“ Es war bezeichnend, dass sie meine Freunde nicht erwähnte.

„Eine kleine Hochzeit, Tessa“, ich kniff ihr in die Wange. „Wir brauchen nicht viele Menschen.“

Meine Mutter rümpfte die Nase. „Sieh zu, dass ihr das schnell erledigt. Nicht, dass er noch einen Rückzieher macht. Ich könnte es ihm nicht verdenken.“

„Mutter!“ Meine Schwester Patricia gab ihr lachend einen Klapps. Sie war das fünfte Kind meiner Eltern und ebenso jünger als ich. Ich war die Erstgeborene von uns sieben.

Mutter gab einen verschnupften Ton von sich.

In diesem Moment hörte ich das Trampeln der beiden jüngsten Kinder. Erin, unser Dienstmädchen, führte beide an der Hand zum Esstisch.

„Da sind ja meine beiden süßen Pfirsichbäckchen!“ Mutter sprang von ihrem Platz auf und drückte die Mädchen an ihre Brust. Jada kicherte süß und erwiderte die Umarmung, während Brielle sich versteifte. Obwohl beide Zwillinge waren, konnten sie nicht unterschiedlicher sein. Brielle hasste Berührungen und Menschen. Jada wollte immer im Mittelpunkt stehen. Ich liebte sie beide, da sie noch nicht von der Welt verdorben worden waren. Wenngleich sich Mutter redlich Mühe damit gab.

„Habt ihr Hunger? Was wollt ihr Essen, bevor es in den Kindergarten geht?“ Mutter setzte beide an den Tisch.

„Eis!“, rief Jada.

Brielle gähnte hingegen und spielte mit ihrer Serviette. Sie war keine Frühaufsteherin wie ich.

„Eis? Jada, nicht zum Frühstück. Das weißt du doch, mein Schatz. Gerhard“, rief Mutter und unser Butler kam hinein. „Warum dauert das Essen so lang? Was ist in der Küche los?“

„Es wird nur noch ein paar Minuten benötigen, gnädige Herrin.“

Während Mutters Stirn sich in Falten legte, ertönten Schritte hinter mir. Langsame und bedächtige Schritte.

„Guten Morgen, Friederike“, sagte da auch schon mein Stiefvater. Er küsste Mutter auf die Wange. „Es sind ja schon alle meine Schätze wach und am Tisch.“ Ronja und Isolde, meine Schwestern, die sich beide in ihren Zwanzigern befanden, lebten mittlerweile mit ihren Ehemännern zusammen. Beide nicht weit entfernt von uns. Dennoch sah ich sie nur noch selten.

Mein Stiefvater ging zum anderen Tischende. Dort, wo sich sein Stammplatz genau gegenüber dem meiner Mutter befand. Im Vorbeigehen streiften seine Finger meinen Rücken.

„Du hast heute lange geschlafen, Samuel“, sagte Mutter, ihre Stirn noch runzliger. So war sie. Ihre Stimmungen waren wie das Meer: ruhig und friedlich in einem Moment, stürmisch und wütend im anderen.

„Gestern war ein langer Tag.“

„Du arbeitest zu viel.“

Er lächelte. „Ich arbeite nicht, ich diene meinem Volk. Du weißt doch, wie das ist, mein Schatz.“

„Ich habe dich gestern Abend vermisst.“ Mutters Stimme ging in die höheren Tonlagen über. Beinahe klang sie so quengelig wie ein Kind.

„Wenn ich mir es aussuchen könnte, würde ich jeden Tag pünktlich daheim sein. Du und unsere Töchter seid der Mittelpunkt meiner Welt.“ Er sah sie mit diesem Blick an, der noch jeden weichkochte. Offenheit und Aufrichtigkeit sprachen daraus. Samuel war ein Meister davon. Kein Wunder bei seinem Beruf.

Mutter, so schwankend wie ihre Stimmungen auch sein mochten, war sein leichtestes Opfer. Ihr Blick weichte auf und ihre Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln. „Ich weiß, Schatz. Das nächste Mal sagst du aber Bescheid, ja?“

„Natürlich. Gestern Abend ging es einfach durch den Stress unter. Es gibt wieder Probleme mit denen draußen.“

Bevor Mutter antworten konnte, traten Bedienstete zu uns und brachten das Frühstück. Frisch gebackene Brötchen und gebratener Speck fanden neben Eiern, Früchten und geräuchertem Lachs ihren Platz auf dem Tisch. Gleich darauf schenkte man uns Kaffee und Tee ein. Ich hob meine Tasse zur Nase und schloss die Augen. Hm, Pfefferminze.

„Und du, Chia? Was sind deine Pläne für heute, bis es morgen soweit ist?“, fragte Samuel, während er sein Brot schmierte.

Ich starrte auf das Messer in seiner Hand. Vor, zurück, vor, zurück. „Ich gehe zur Arbeit und räume anschließend mein Zimmer.“

„Ich weiß gar nicht, was wir ohne dich tun sollen.“ Samuel belegte sein Brot mit mehreren Scheiben Schinken. Dann griff er nach einem Ei. „Du kümmerst dich immer so bezaubernd um Tessa, Jada und Brielle.“

„Dafür haben wir auch unsere Kindermädchen“, sagte Mutter.

„Aber es wird seltsam sein, wenn erneut ein Zimmer verlassen ist. Alle meine Töchter verlassen mich.“ Er schlug mit seinem Messer gegen den Kopf des Eis, bis er sich vom Rest trennte. Orangefarbenes Eigelb lief an der Schale hinab. „Nicht schon wieder“, sagte er. „Gerhard.“

Unser Butler lief sogleich zu ihm, erkannte die Lage und verbeugte sich entschuldigend. „Ich bitte um Verzeihung, Herr. Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte.“

„Die Eier müssen durchgekocht sein. Das habe ich doch bereits mehrmals gesagt.“

„Ich werde sofort mit der Küche reden.“ Gerhard verbeugte sich noch einmal und verschwand mit dem Eierkorb aus dem Raum.

„Das ist bestimmt die Schuld der Kleinen. Der Enkelin von unserer Köchin“, sagte Mutter.

„Gabriele.“

„Was?“

„Gabriele“, wiederholte ich. „Das ist der Name des Mädchens.“

„A ja.“ Mutter wiegelte mich mit einem Handverdrehen ab. „Wie dem auch sei. Sie macht in letzter Zeit viele Fehler.“

„Ich werde mit ihr reden“, sagte Samuel. Er trank einen Schluck seines Kaffees und tupfte sich anschließend mit einer Serviette über den Mund. In seinem dichten, schwarzen Bart, der ihm um die Lippen und über den Wangen wuchs, blieben häufiger Reste des Essens hängen. Daher war er beinahe besessen damit, sich nach jedem Bissen und Trinken über den Mund zu wischen. Im Kontrast zu seiner Gesichtsbeharrung war sein Kopf kahl, seitdem er 25 war.

Mutter presste die Lippen aufeinander und nickte.

„Können wir endlich aufstehen?“, fragte Tessa

„Ja, aufstehen!“, pflichtete ihr Jada enthusiastisch bei.

„Aber ihr habt doch kaum etwas gegessen“, sagte Mutter.

„Kein Hunger.“ Jada schob ihren Teller mit einem halb gegessenen Brötchen von sich. Brielle kaute seit einigen Minuten am selben Brotstück in ihrer Hand.

„Ihr müsst etwas essen, weil ihr sonst nicht groß und stark werdet.“

„Ich will aber nicht!“ Jada konnte trotzig sein.

Ich lächelte leicht, während ich selbst aufstand, mein Teller leer. „Wenn ihr mich entschuldigt. Ich muss zur Praxis.“

Mutters missbilligender Blick streifte mich, doch sie erwiderte nichts, da nun eine Diskussion mit Jada und Tessa gleichzeitig ausgebrochen war. Als ich an der Tür angekommen war, hörte ich Patricias Stimme hinter mir. Sie war die ganze Zeit seltsam ruhig geblieben.

„Ich hoffe, dass du deinen neuen Mann nicht ebenso in den Tod treibst.“

Ich erstarrte für einen Augenblick. Die anderen hatten sie nicht gehört, weil sie noch immer stritten. Ohne auf Patricia zu reagieren, ließ ich das Frühstück hinter mir.

***

Der Morgen hielt sich weiterhin bedeckt. Vielleicht würde es bald Regen geben. Ich schaute aus dem Fenster, während unser Chauffeur mich zur Praxis fuhr. Zunächst zogen die Villen unseres Viertels an meinen Augen vorbei, dann normale Häuser, dann Wohnblöcke. Samuels Gesicht begegnete mir auf bunten Plakaten. Weil wir das Licht der Aufklärung gebracht haben, sagte eines von ihnen. Das andere zeigte Lightford unter einer strahlenden Sonne mit der Überschrift Das dunkle Zeitalter ist vorbei.

Wir befanden uns auf dem Weg zum inneren Stadtkern. Lightford erstreckte sich an der gesamten Westküste und bot Heimat für über 10 Millionen Menschen. Jedes Viertel war anders. Jedes Lebensgefühl unterschied sich, je nachdem, wo man sich befand. Im Norden verhielten sich die Leute eher zurückhaltend und kalt. Im Süden dagegen warm und herzlich, wenngleich sie es nicht so mit Regeln hatten. An den Außengrenzen der Stadt befanden sich die ärmeren Viertel mit den Ghettos. Nur die wenigsten wollten dort leben, da sie weniger Sicherheit versprachen, obwohl die gesamte Stadt natürlich bewacht wurde. Aber immer wieder hörte man von Angriffen. Von denen draußen, die reinzukommen versuchten oder Menschen stahlen. Samuel hatte einen Namen für sie: Monster. Aber Samuel übertrieb auch häufig.

Wir kamen schließlich an meiner Praxis an. Sie befand sich in der ersten Etage eines der älteren Häuser von Lightford, das ein paar Hundert Jahre alt war. Bevor ich dort eingezogen war, hatte man es aufwendig renoviert.

Ich stieg die Treppen zu den Praxisräumen hinauf und konnte mich eines unheimlichen Gefühls nicht erwehren. Es war still. Hier war es nie still. Immer warteten Patienten auf mich, suchten Hilfe, brauchten ihre Medizin, klagten über Rücken oder suchten Ratschläge für ihre Kinder und Familien. Aber ich hatte die Praxis bereits vor zwei Wochen geschlossen und nun wartete keiner mehr auf mich. Samuel und Mutter wussten das auch. Wahrscheinlich hatten sie es bereits vergessen, als ich Arbeit als Grund genannt hatte, um das Frühstück eher verlassen zu können.

Meine Zunge sollte vertrocknen, ehe ich ihnen die Wahrheit sagen und durchblicken lassen würde, dass ich eine gemeinsame Zeit mit ihnen nicht mehr ertrug. 28 Jahre in diesem Haus waren genug. Ich verdiente mittlerweile zwar mein eigenes Geld. Doch wegen meiner kleinen Geschwister hatte ich nicht gehen wollen. Es wäre vermutlich viele Jahre so weitergegangen.

Nun aber würde ich morgen heiraten und alles würde sich ändern.

Ich packte die Reste meiner Arbeit ein. Sie bestanden hauptsächlich aus Kräuterarzenei und anderen natürlichen Hilfsmitteln, die ich meinen Patienten als Alternative gab, wenn die Allgemeinmedizin versagte. Manche nannten mich mittlerweile sogar eine Kräuterhexe, da ich unzählige Stunden damit verbrachte, alte Bücher zu studieren und Medizin herzustellen.

Dann fegte ich zum letzten Mal alle Böden, kontrollierte die Fächer der zurückgelassenen Möbel, die ich seinerzeit mit den Praxisräumen übernommen hatte, und schloss die Tür.

Die Zeit als Ärztin in dieser Praxis war vorbei.

Ich würde eine neue im Süden übernehmen. Clemens lebte dort und hatte sich um alles gekümmert. Die Dokumente waren unterschrieben und der Schlüssel bereits in meiner Tasche. Mein neues Leben konnte beginnen.

Ich lächelte, während ich mein Handy hervorholte und seine Durchwahl drückte.

„Hi.“ Seine Stimme trieb mir wie immer einen wohligen Schauer über den Rücken. Clemens’ Stimme war stets sanft. Egal, wie angespannt eine Situation sein mochte.

„Hi“, antwortete ich.

„Was gibt’s? Musst du noch etwas wegen der Hochzeit klären?“

„Nein. Oder ein bisschen. Ich habe gerade alles aus meiner Praxis geräumt und werde danach die restlichen Sachen zu dir schicken.“

„Unser Haus wird bald mit deinen Dingen überquellen, die schon da sind.“ Ich hörte ein Grinsen in seiner Stimme.

„Ich brauche sie.“

„Hm, natürlich.“

„Clemens!“

Er lachte. „Ich freue mich doch, Chia. Vorher war alles trist eingerichtet. Viel zu leer und kalt. Wie mein Leben ohne dich.“

Diese Worte ließen mein Herz erwärmen. Er war immer ehrlich mit seinen Worten, immer aufrichtig. Genauso jemand hatte ich in meinem Leben gebraucht und mir so lange Zeit gewünscht. Manchmal flüsterte mir eine Stimme im Kopf zu, dass ich ihn nicht verdiente. Aber ich wehrte mich gegen sie und widersprach ihr. Diese Strategie hatte ich in einem Buch gelernt. Vor Clemens – als es mir noch nicht so gut ging – war ich immer wieder daran gescheitert.

„Ich liebe dich“, sagte ich deswegen. Ich hatte ein Jahr gebraucht, um die Kraft zu finden, ihm diese drei Worte zu sagen. Morgen, sechs Monate später, heirateten wir.

„Ich liebe dich auch, mein Schatz. Auch wenn ich mich manchmal frage, was du an mir findest. Was siehst du nur in mir?“

Clemens hatten seit jeher Selbstzweifel geplagt. Ja, er war vielleicht nicht der attraktivste Mann mit seinem kleinen Bäuchlein, seinen immer lichter werdenden Haaren und den vollen Wangen, die ihn weiblicher als andere Männer erscheinen ließen. Aber er war sanft, gutmütig, empathisch, zuverlässig, lustig. Ich könnte diese Liste immer weiterführen und würde ein ganzes Buch danach vollgeschrieben haben. Er war einfach alles, was ich wollte.

„Du bist der liebste Mensch, den ich kenne“, sagte ich. „Du ergänzt mich wie kein anderer und sorgst dafür, dass ich jeden Morgen gern aufstehe. Nur, weil ich dich sehen kann.“

„Chia.“ Clemens atmete tief durch. „Wenn wir nicht morgen heirateten, würde ich es auf der Stelle tun.“

Ich lachte. Es tat gut, so gut, weil ich es viel zu selten tun konnte. „Morgen, Schatz. Ich freue mich unsagbar.“

„Ich freue mich auch.“ Jemand sprach mit Clemens. Es musste sein Assistent in der Kanzlei sein. „Ich muss leider auflegen, Chia. Die Arbeit verlangt mich. Nur noch ein paar Stunden, dann sehen wir uns endlich wieder und dann wird alles anders. Besser.“

„Ja, das wird es“, antwortete ich, weil ich tief und fest daran glaubte.

„Bis dann.“ Er legte auf und ich drückte mein Handy gegen die Brust.

Ich konnte es kaum abwarten.

Kapitel 2

Heute würde ich heiraten. Das Grinsen in meinem Gesicht war so breit, dass es beinahe schmerzte.

„Ich habe dich noch nie so glücklich gesehen.“ Tessa schaute zu mir auf. Sie hatte für diesen Anlass ihr bestes Kleid und sogar ihre verhassten Lackschuhe und die weißen Rüschchen-Strümpfe angezogen.

„Ich bin es auch“, sagte ich. Ich hatte mich noch nie im Leben so gut gefühlt.

Tessa streckte ihre Arme aus und ich beugte mich zu ihr hinunter, um sie zu umarmen. Ihr kleiner Körper presste sich gegen mich.

„Ich werde dich vermissen.“ Ihre Stimme Klang belegt.

„Nicht weinen, Schatz.“ Ich wischte ihr die Tränen unter den Augen davon. „Ich werde euch regelmäßig besuchen. Der Süden ist doch nur drei Stunden Autofahrt entfernt und du kannst auch jederzeit zu uns kommen.“

„Mama wird mich nicht allein gehen lassen.“

Oh, das stimmte. Eine Achtjährige allein die Bahn nehmen zu lassen, war unvorsichtig. „Dann komme ich eben zu dir.“

„Aber wie oft? Wann?“

„Hm“, ich strich mir über das Kinn. „Vielleicht … einmal im Jahr?“

„Nein, niemals!“

Ich lachte und zog sie wieder in meine Arme. „Du hast recht. Nach unseren Flitterwochen werden Clemens und ich uns erst einmal in unser neues Leben eingewöhnen müssen. Danach kann ich dich aber bestimmt mindestens einmal im Monat besuchen.“

„Versprichst du es?“

Ich streckte ihr meinen kleinen Finger hin. Sie umschlang ihn mit ihrem eigenen. „Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen.“

Wir grinsten uns an. Jemand klopfte an der Tür des Zimmers. „Chia? Bist du fertig?“ Das war Patricia.

„Ja, ich komme sofort.“

Mit Tessa an meiner Hand ging ich hinaus.

***

Die Klänge der Orgel erfüllten die Kirche, während ich mit jedem Ton einen Schritt nach vorn machte, einen Strauß mit weißen Rosen in meinen Händen. Mutter hatte auf die Blumen bestanden. Jetzt war ich dankbar dafür, da ich meinen zitternden Händen etwas zu tun gab. Obwohl der Wind durch die Schlitze des alten Gebäudes zog, schwitzte ich. Nervosität ließ mich mit Übelkeit kämpfen.

Aber dann sah ich Clemens und alles wurde gut.

Er schaute mich an und sein Gesicht sprach von Ehrfurcht und Liebe. Seine Augen glänzten. Er hatte eine weiße Hose und ein weißes Jackett an. Ich hielt seinen Blick, während ich weiter voranschritt. Auf den Bänken links von mir saßen Mutter, Samuel und meine Schwestern. Ronja und Isolde hatten ihre Ehemänner mitgebracht. Sie alle hatten ihren Kopf zu mir gedreht und verfolgten aufmerksam meine Bewegungen. Die rechte Seite, die Seite des Bräutigams, war leer. Aber das war nicht schlimm. Bald würden Clemens und ich unsere eigene Familie gründen.

Die Kirchenfenster vor mir ließen für einen Moment einen Sonnenstrahl hindurch, der mich ablenkte. Ich zwinkerte und konzentrierte mich wieder auf Clemens. Seine Gestalt waberte eigenartig im grellen Schein. Seine Züge veränderten sich, wurden härter. Sein Körper wuchs und ein dunkles Gefühl bemächtigte sich meiner. Ich blinzelte erneut. Der Sonnenstrahl hatte sich zurückgezogen und mein Clemens stand dort. So, wie ich ihn kannte. Er lächelte mich an und zeigte seine Zähne dabei. Ich schüttelte die Verwirrung ab. Ich war aufgeregt. Die Nerven mussten mir einen Streich gespielt haben.

Endlich war ich bei ihm und wir standen uns gegenüber. Er legte seine Hände um meine, sodass wir beide den Strauß hielten.

„Liebes Brautpaar, sehr verehrte Gäste“, begrüßte uns der Pfarrer, ein älterer Herr mit grauem Bart und einer Brille. „Wir haben uns hier für den schönsten Anlass, den es im Leben von zwei Menschen gibt, versammelt.“

Der Pfarrer sprach weiter, aber ich war ausschließlich auf Clemens konzentriert. Da er so groß war wie ich, konnten wir uns ohne Probleme in die Augen sehen. Es wurden alle Einzelheiten aufgezählt, die uns zusammengeführt hatten:

Clemens war zufällig in der Gegend meiner Praxis gewesen, als er sich krank gefühlt und mich deswegen aufgesucht hatte. Weil er – seinen Erzählungen nach – sofort erkannt hatte, dass ich die Eine für ihn wäre, hatte er mich auf einen Kaffee eingeladen. Aber ich hatte abgelehnt. Zu seltsam war mir dieser Annäherungsversuch vorgekommen. Doch Clemens war hartnäckig geblieben, hatte sich jeden Tag mit einem anderen Vorwand in der Praxis vorgestellt und mit mir geredet. Er konnte so gut reden. Er wusste so viel und verstand es, Belanglosigkeiten in die komischsten Geschichten zu verpacken, die mich zum Lachen brachte, bis ich Bauchschmerzen hatte. Irgendwann hatte ich mich auf einen Kaffee eingelassen. Dann einen zweiten. Und irgendwann war ich in meiner Praxis gestanden und hatte seinen Besuch sehnlichst erwartet.

Während der Pfarrer also all diese Meilensteine in unserer Geschichte nannte, verschlangen sich unsere Finger ineinander und unsere Herzen wurden mit unseren Schwüren eins.

„Ja, ich will“, sagten wir beide hintereinander. Clemens zog mich zu sich und wir küssten uns. Seine Lippen pressten sich auf meine und seine Hände zogen mich an ihn. Dann lösten wir uns voneinander. Clemens’ Wangen waren rot und lächelnd wischte ich ihm meinen Lippenstift von den Lippen.

Mutter, Samuel und meine Schwestern klatschten. Ich achtete nicht darauf, wer sich wirklich für mich freute. Nur Tessa grinste ich zu und dann eilten wir zum Auto, das uns wegbringen würde. Direkt zu den Flitterwochen. Für die anderen hatte ich Essen vorbereiten lassen. Aber Clemens und ich verzichteten darauf.

„Ich kann es kaum glauben“, wisperte Clemens und er betrachtete unsere Hände, wo nun unsere Eheringe saßen. „Es ist wie in einem Traum.“

„Ein wahr gewordener Traum.“

Er lächelte und wieder verzerrte etwas das Bild, das ich von ihm hatte. Seine Gesichtszüge verschmolzen zu einer undefinierbaren Masse. Ich rieb meine Augen.

„Was ist los, Schatz?“, fragte mich Clemens besorgt.

Ich zwinkerte mehrmals. Gut. Alles war wieder normal. Ich musste wirklich gestresst sein. „Ich weiß nicht. Ich glaube, dass mir die Aufregung zu schaffen macht. Aber es sollte sich bald legen.“

„Geht es dir gut?“

„Alles prima.“ Ich lächelte.

Er drückte meine Hände und wir fuhren zum Hotel, wo wir die Nacht verbringen würden.

Es war unsere erste gemeinsame Nacht, da sowohl Clemens als auch ich die Heirat dafür hatten abwarten wollen. Ich hatte mich schon einmal voreilig verliebt und alles gegeben, was ich geben konnte. Bis das zu meinem Verhängnis geworden war.

„Geht es dir wirklich gut?“ Wieder stellte Clemens diese Frage.

„Ja. Ich war nur in Gedanken versunken.“ Ich legte meinen Kopf an seine Schulter und er strich mir über den Oberschenkel. Im vertrauten Schweigen fuhren wir, bis die Limousine hielt. Verschlafen zwinkerte ich, weil ich eingenickt war. Die Fahrt in den Süden hatte ein paar Stunden gedauert. Draußen dämmerte der Abend.

„Wir sind da.“ Clemens küsste meinen Handrücken und stieg aus. Wie ein Gentleman half er mir hinaus.

„Du bist heute wunderschön“, sagte er. „Du bist immer wunderschön. Aber heute hat es mir die Sprache verschlagen.“

Ich lächelte. Ich hatte mich für ein einfaches weißes Kleid aus Seide entschieden, das durch dünne Träger gehalten wurde. Keine Spitze. Kein Tamtam. Und er fand mich trotzdem wunderschön.

„Du hast dich ebenso herrlich zurechtgemacht“, erwiderte ich. „Diese Schleife steht dir ausnehmend gut und dein Anzug sitzt wie angegossen.“

„Er wurde ja extra für mich maßgeschneidert.“ Er zupfte seine Schleife zurecht und hielt mir seinen Arm hin. Ich hakte mich darin ein. „Lass uns unsere Sachen ins Zimmer bringen und dann etwas essen. Mir knurrt der Magen.“

„Ich habe auch Hunger“, stimmte ich ihm zu.

Wir gelangten zum Restaurant des Hotels. Entgegen dem üppig und wohlhaben wirkenden Gebäude bot es die Atmosphäre eines gemütlichen Pubs, das man sonst nur auf dem Land fand. Wir setzten uns an einen Tisch in einer ruhigen Ecke.

Clemens griff nach meiner Hand und streichelte mit seinem Daumen über meine Haut. „Ich bin glücklich“, sagte er.

„Ich auch.“

Wir schauten einander an und wurden aus dem Moment gerissen, als die Bedienung zu uns trat, die Kerze anzündete und uns begrüßte. „Sie sind das glückliche Brautpaar, nicht? Meinen herzlichen Glückwunsch! Ich habe Ihnen zum Anstoßen Sekt gebracht.“ Sie stellte zwei Gläser vor uns hin. „Die Vorspeise wird in etwa zehn Minuten kommen.“

„Wunderbar“, sagte Clemens. Wir hatten uns für heute ein 3-Gänge-Menü bestellt.

Er hielt sein Sektglas in die Höhe. Ich tat es ihm gleich.

„Auf uns und unsere gemeinsame Zukunft“, sagte er. „Möge sie besser als die Vergangenheit sein und für uns beide angenehm und glücklich werden.“

Seine Worte ließen mich kurz verharren, aber da hatte er bereits mit seinem Glas gegen meines gestoßen. Lächelnd trank ich und hustete sogleich. „Er ist sauer.“

Clemens zog die Augenbrauen zusammen. „Du hast recht.“ Er winkte der Bedienung zu. „Könnten Sie uns bitte zwei neue Gläser Sekt bringen und dafür eine neue Flasche aufmachen? Die andere ist sauer geworden.“

Die Bedienung entschuldigte sich ausführlich bei uns. Dann brachte sie unsere Vorspeise.

Clemens faltete die Finger vor seinem Kinn ineinander und betrachtete mich. „Ich hoffe, dass du bei mir im Süden glücklich sein wirst.“

„Solange du da bist, werde ich das sein.“

Ich probierte von dem Apfelstück, das mit Ziegenkäse überbacken war und schloss genüsslich die Augen.

„Deine Worte klingen so aufrichtig, dass ich sie glauben muss.“

Die Gabel am Mund hielt ich inne. „Was meinst du?“

„Hm? Ach, ich meine nur, dass ich niemandem so sehr vertraue wie dir. Du weißt doch, dass ich mich immer noch frage, was du in mir siehst.“

Verwirrt dachte ich darüber nach. Irgendetwas störte mich an seiner Erklärung. Aber was? Die Tonlage?

„Darf ich abräumen?“, fragte da die Bedienung.

Wir nickten und wenige Zeit später stellte sie uns die Hauptspeise hin. Die Anspannung löste sich in mir, da unser Gespräch wieder flüssig verlief. Wir erzählten uns alberne Geschichten und lachten, während die Stunden vergingen. Ich schüttelte innerlich den Kopf. Immer musste ich etwas in die Worte anderer interpretieren, das niemals ausgesprochen war und mir die Stimmung verdarb. Dumme Chia.

„Lass uns zum Zimmer gehen“, sagte Clemens und dieses Mal war ich mir sicher, Vorfreude in ihm lesen zu können.

Ich lächelte und wir machten uns auf den Weg. Wie kleine Kinder kichernd kamen wir bei unserem Raum an.

„Es ist wunderschön eingerichtet“, sagte ich ehrfürchtig. Es war, als wäre ich in eine Berghütte eingetreten. Holz überall. Dicke Teppiche und Vorhänge. Gemütlich wie das Restaurant des Hotels.

„Besonders das Bett sieht einladend aus“, sagte Clemens und zwinkerte.

„Ich mache mich schnell frisch.“

„Prima. Ich teste derweil die Gemütlichkeit.“ Er pfefferte seine Schuhe zur Seite und sprang auf die Matratze. „Perfekt.“ Er grinste mich an.

Ebenso grinsend ging ich ins Badezimmer und zog mir meinen Schmuck aus. Ich wollte das Kleid natürlich anbehalten, damit Clemens es mir ausziehen konnte. Aber dennoch fühlte ich mich wohler, wenn ich vorher kurz die wichtigsten Stellen sauber machte. Mein Gesicht wurde ganz heiß. Es war Jahre her, seitdem ich mit einem Mann zusammen gewesen war. Das letzte Mal, als ich 18 gewesen war. Sofort wollten sich die Erinnerungen daran in die Gegenwart stehlen, aber ich schob sie davon. Jetzt nicht. Sie durften mir nicht wieder alles verderben.

Clemens selbst hatte auch nur eine Freundin vor mir gehabt. Da sie ihn wohl ziemlich ausgenutzt und nur an seinem Geld interessiert gewesen war, hatte er Vertrauensprobleme entwickelt. So war er nicht enttäuscht, als ich ihm sagte, dass ich Zeit für die nächsten Schritte brauchte. Er hatte sogar vorgeschlagen, bis zu Hochzeit zu warten. Damit hatte er vollständig mein Vertrauen und mein Herz gewonnen.

Ich atmete tief durch. Ja, er war der Richtige für mich.

„Chia?“

„Ich komme!“

Als ich aus dem Bad trat, musterte mich Clemens lange. Die Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne malten ein Muster aus Licht und Schatten auf ihn. „Wunderschön“, murmelte er.

Ich setzte mich neben ihn. Er ergriff meine Hände.

„Endlich“, sagte er.

„Endlich“, sagte ich.

Seine Finger strichen über meine Schulter. „Darf ich?“

Wortlos drehte ich mich um, damit er die Bänder meines Kleides an meinem Rücken lösen konnte. Eines nach dem anderen lockerte sich, bis der Stoff auseinanderfiel und über eine meiner Schultern nach unten rutschte. Clemens entblößte die andere. Seine Finger tanzten über meine Haut und eine Gänsehaut breitete sich aus. Ich stand auf und in einem Schwung rutschte das gesamte Kleid hinunter. Dann drehte ich mich um.

Sein Kehlkopf hüpfte in seinem Hals. „Du hast keine Unterwäsche an.“

„Nein.“ Ich lächelte und streckte meine Hand nach ihm aus. „Komm. Lass mich dich ausziehen.“

Ich knotete seine Schleife auf, während Clemens sein Jackett abstreifte. Dann knöpfte ich sein Hemd auf und rieb über seine beharrte Brust. Wir schwiegen, aber unsere Blicke sagten genug. Ja. Mach weiter. Ich bin dein.

Endlich waren wir nackt und Clemens streichelte meine Brüste. Dann öffnete er den Mund und umschloss damit eine meiner Brustwarzen. Mein Kopf legte sich in den Nacken und ich stöhnte auf, als er sachte zubiss. Seine Finger wanderten hinunter und rieben über die intime Haut zwischen meinen Schenkeln. Ich keuchte.

Ich packte seinen Kopf, weil ich ihn küssen wollte. Aber er erfüllte mir den Wunsch nicht, sondern saugte an meiner anderen Brust, während seine Finger mich weiter massierten. Irgendwann, als ich es nicht mehr aushielt, drehte ich mich auf den Bauch und streckte ihm meinem Po entgegen. Über meine Schulter hinweg sah ich ihn an.

Erneut flimmerte die Welt plötzlich vor meinen Augen. Unscharf, scharf, unscharf. Clemens Abbild zerriss in Schatten und Farben. Ich schloss die Lider. Was war los? War das nun der Sekt?

Clemens umfasste meine Taille und ich vergaß meine Sorgen. Ich spürte ihn an meinem Unterleib und dann war er in einem Stoß in mir. Ich stöhnte auf. Das war gut. Ich mochte kein großes Vorspiel.

Clemens Finger gruben sich tiefer in mein Fleisch, während er zustieß. Lustvoll kam ich ihm entgegen. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte. Wahrscheinlich einen sanften Liebhaber. Aber seine harten Bewegungen und der noch härtere Griff, mit dem er mich festhielt, sprachen von Leidenschaft. Er war tief in mir, erreichte nicht nur meine Lust, sondern auch meine Seele. Unser Verlangen baute sich auf, wurde drängender, noch stärker. Niemand zeigte mehr Zurückhaltung oder Scham. Er hielt mich am Nacken fest und drückte mich in die Matratze. Ich keuchte und wimmerte, während er sein Tempo beschleunigte. Und dann… und dann… überkam mich der Höhepunkt in einer reißenden Flut und ich schrie auf. Kurz darauf brüllte Clemens und ich spürte ihn heiß in mir. Wir sackten gemeinsam zur Seite.

Während ich noch schwer atmend versuchte, meinen Verstand wiederzufinden, zog sich Clemens aus mir heraus und stand auf. Verwirrt drehte ich mich zu ihm.

„Warum ziehst du dich an?“, fragte ich.

Er antwortete nicht.

„Clemens?“

Nur in seiner Hose bekleidet stierte er mich an. Sein Blick war unleserlich. Seine Augen … leuchteten sie? Bevor ich erneut den Mund öffnen konnte, fiel die Tür ins Schloss und ich war allein.

Was … was war passiert?

Kapitel 3

Wie im Schock lag ich einige Herzschläge lang im Bett. Dann richtete ich mich auf. Es musste eine Erklärung dafür geben. Sein Verhalten musste Sinn machen. Vielleicht hatte er etwas Wichtiges vergessen? Vielleicht fühlte er sich nicht gut und musste Luft schnappen?

Vielleicht fand er unseren Sex – mich – unbefriedigend? Abstoßend?

Ich verbrachte einige Minuten mit diesen quälenden Gedanken. Dann raffte ich mich auf. Beim Aufstehen bemerkte ich, wie seine Überbleibsel an der Innenseite meiner Schenkel hinunterliefen. Die Lippen aufeinandergepresst machte ich mich im Bad sauber, zog ein Kleid aus meinem Koffer und kleidete mich so schnell wie möglich an. Kurz, bevor ich nach draußen ging, erregte etwas in meinem Augenwinkel meine Aufmerksamkeit: der Schlüssel für unser Zimmer. Er hatte ihn nicht mitgenommen.

Ich ergriff ihn und eilte hinaus. Der Flur war still.

„Clemens?“

Unschlüssig überlegte ich. Wenn er an die frische Luft gehen wollte, musste er die Treppe hinunter und durch den Vordereingang nach draußen gegangen sein. Keine andere Idee im Kopf rannte ich los. Unten angekommen war die Rezeption leer. Zuletzt hatte dort eine junge Frau gesessen. Ich lief an ihrem Tresen vorbei, öffnete die gläsernen Eingangstüren und stand schließlich schwer atmend auf dem Weg vor dem Hotel. Kälte zog meinen Fußsohlen hinauf in meine Beine. Ah, ich hatte meine Schuhe vergessen.

„Clemens? Bist du hier?“

Es war bereits dunkel, nur die Lampen des Hotels beleuchteten den Weg. Der Herbst machte sich bemerkbar und ich schlang meine Arme um mich. Wo war er?

„Ah!“

Ich verharrte. Eine Stimme. Leise, gepresst. Weiblich.

Ich folgte ihr. Mein Weg führte mich um die Ecke in eine schmale Gasse. Die Mauern der Gebäude neben mir zogen sich einige Meter in die Höhe und tauchten den Pfad in Dunkelheit. Bis auf einer Lampe, die flackernd und zischend um ihr Leben kämpfte, gab es kein Licht. Zu meiner Seite befand sich eine Tür. Hier musste sich der Hintereingang zum Restaurant befinden.

„Ah, ja!

Der Weg endete in einer Sackgasse. Dort, aus dem nahezu schwarzen Schatten, kamen die Geräusche. Mein Herz pochte heftiger, ein ungutes Gefühl in meinem Bauch. Doch wie hypnotisiert folgte ich dem Drängen, den Ursprung dieser Laute zu erkunden.

Wie der Abgrund am Meer sprach die Gasse zu mir. Wie der Abgrund lud sie mich zu Elend ein.

Als ich endlich so nahe war, um die Einzelheiten zu erkennen, ließ ich die Schlüssel fallen. Klirrend fielen sie zu Boden.

„C…Clemens?“

Nein, das konnte nicht sein. Das war nicht Clemens. Clemens hatte nicht die Frau von der Rezeption gegen eine Wand gedrückt und ihren Rock hochgeschoben. Clemens stieß nicht wie ein Wilder mit seinem nackten Unterleib in sie hinein, während sie vor Lust wimmerte.

Er drehte seinen Kopf. Clemens’ braune Augen blickten mich an.

„Wieso? Warum?“ Übelkeit stieg in mir auf. Das konnte nicht sein. Ich musste träumen.

Die Frau, die er gerade in einer dunklen Sackgasse vögelte, keuchte überrascht auf, als auch sie mich bemerkte. Er ließ sie zu Boden gleiten und knöpfte seine Hose zu.

„Geh wieder hinein“, sagte er ihr.

Sie huschte durch die Hintertür in das Gebäude.

Wir starrten einander an. Der Mond schwebte über ihm und tauchte ihn in milchig weißes Licht. Wieder verschwamm alles vor meinen Augen. Erst stand dort Clemens. Dann jemand Anderes. Etwas Anderes.

„Chia. Schatz. Du bist mir also gefolgt“, sagte er. „Mein Plan sah etwas Anderes vor. Aber auf diese Weise geht es ebenso.“

Ich kannte diese Stimme nicht. Diese kalte, raue Stimme eines Fremden.

Die Welt vor meinen Augen verzerrte sich erneut. Clemens’ Körper wuchs und wurde breiter. Die Weichheit wich aus ihm und wurde von harten Gesichtszügen ersetzt. Dunkelbraunes, schulterlanges Haar formte sich anstelle seiner Halbglatze. Sein Bierbauch verwandelte sich zu Muskeln, die sich wie sanfte Hügel unter der Haut erhoben. Er sah genau wie er aus, wenngleich seine Züge kantiger waren. Aber es konnte nicht sein. Er war tot.

Ich machte einen Schritt zurück. „Wer bist du?“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Was meinst du? Ich bin dein Clemens. Nur der richtige Clemens.“ Er spuckte auf den Boden. „Clemens. Was für ein Pussy-Name.“

„Ich … ich verstehe nicht.“

„Nein, du verstehst es noch nicht.“ Er lächelte, aber seine Augen blieben dabei kalt. „Hat lange gedauert, bis wir endlich an diesem Punkt angelangt sind. Zwischendurch habe ich mir schon Sorgen gemacht, dass du zu keiner Liebe fähig bist und mein Plan nicht aufgeht.“

Ich ging weiter rückwärts, aber stolperte und fiel zu Boden. „Plan?“

„Ich habe mich gefragt, ob du wirklich so grandios im Bett bist, wie er immer behauptet hat. Ich muss gestehen, dass es stimmt. Deine Pussy verleiht einem wahrlich einen ungemeinen Energieschub. Man glaubt, alles erreichen, alles besiegen, alles kriegen zu können. Fast wie Magie. Aber das ist bei euch Stadtmenschen ja nicht möglich. Ich musste diese Energie jedenfalls loswerden und jede andere war dabei besser als du, also habe ich die Kleine vom Hotel gebumst. Du hättest mich übrigens zu Ende kommen lassen sollen. Alles in mir drängt danach, zu ficken oder zu töten und ich kann mich kaum bändigen.“ Er stand nun direkt vor mir und blickte auf mich hinab. Seine Züge waren nicht mehr menschlich. Das Mondlicht hatte sie verzerrt und zugleich verschärft, unreal gemacht.

Tierisch.

„Du bist einer von draußen“, wisperte ich.

„Schnell erkannt.“

„Wer bist du? Was willst du?“

„Hast du nicht zugehört?“

Jemand packte mich von hinten und presste etwas auf meinen Mund. Ein Taschentuch mit einem süßlichen Geruch. Chloroform .

„Habt ihr ihre Sachen?“, fragte der falsche Clemens meinen Angreifer.

„Ja.“

„Exzellent.“ Seine Lippen kräuselten sich. Erneut verschwammen die Umrisse in meinem Sichtfeld. Ich kämpfte gegen den stählernen Klammergriff an, hielt sogar die Luft an, um den Effekt der Droge zu verzögern. Quälende Minuten vergingen und ich schrie durch das Tuch und die Hand meines Angreifers hindurch. Hörte mich denn niemand? Doch die Bewusstlosigkeit wälzte sich schließlich über meine Sinne wie eine Flutwelle. Kurz bevor ich im Schwarz versank, hörte ich seine Stimme: „Mein Bruder lässt dir seine Grüße ausrichten.“

Ende des Textauszugs